Willenskraft (Volition) - die Umsetzungskompetenz

Definition: Willenskraft (Volition) ist die Fähigkeit, Absichten, Motive und Ziele systematisch in überzeugende Resultate (Erfolge) umzusetzen. Daher wird sie auch als Umsetzungskompetenz bezeichnet.

Während die Motivation beschreibt, was Menschen antreibt, erklärt die Willenskraft (Volition), wie der Prozess von der Zielsetzung über die Planung, Entscheidung und Ausführung bis hin zur Erfolgskontrolle (Selbstkontrolle) optimal funktioniert. Den Zusammenhang von Motivation und Volition veranschaulicht die Abbildung 1 weiter unten.

Unsere Befragung von rund 14.000 Fach- und Führungskräften hat ergeben, dass die Willenskraft aus Fähigkeiten besteht, die für überdurchschnittlich erfolgreiche Menschen typisch sind, die aber erfolglosen Menschen fehlen. Das erklärt die Tatsache, dass manche Personen sehr hart arbeiten, keine Mühe scheuen und trotzdem nicht viel erreichen, während anderen der Erfolg scheinbar zufliegt, obwohl sie nicht intelligenter sind.

Auf diesen Seiten erfahren Sie, welche Fähigkeiten es sind, die die Willenskraft ausmachen, wie man sie „messen“ (diagnostizieren), trainieren und stärken kann.

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung: Willenskraft (Volition) und Erfolg

Das Besondere an außergewöhnlich erfolgreichen Unternehmern oder Managern sind nicht visionäre oder charismatische Eigenschaften, sondern die Fähigkeit, anspruchsvolle Ziele und Strategien in überzeugende Ergebnisse (Erfolge) umzusetzen - und das auch unter ungünstigen Rahmenbedingungen. Diese Willenskraft oder Umsetzungsstärke besteht aus fünf Kompetenzen, die wir in einer empirischen Studie mit rund 14.000 Teilnehmern validiert und mit dem Gießener Inventar der Umsetzungskompetenz messbar gemacht haben.

Dadurch kann man Willenskraft (Volition) auf seriöse Weise diagnostizieren und trainieren. Herausragende Leistungen sind nicht primär die Folge einer außergewöhnlichen Anstrengung, sondern das Ergebnis einer intelligenten Entwicklung dieser Fähigkeiten. Wenn man die Motivation mit einem Motor vergleicht, dann ist die Volition der dazu notwendige Treibstoff. Mit anderen Worten: Willenskraft ist positive Energie; sie ist wesentlich mächtiger als negative Energie, die sich aus Ängsten oder (äußeren) Zwängen speist. Den Zusammenhang von Willenskraft (volition) und Motivation veranschaulicht die nachfolgende abbildung:

Abbildung 1: Der Zusammenhang von Willenskraft (Volition) und Motivation

Der praktische Nutzen dieser Unterscheidung zwischen Motivation und Volition resultiert aus der Tatsache, dass Menschen durch ihre Willenskraft und bewusste (willentliche) Entscheidungen sowohl ihre Motivation als auch die Umsetzung von Motiven in Ergebnisse beeinflussen (steuern) können. Diesen Prozess bezeichnet man auch als Selbstregulation. Die dazu notwendigen Fähigkeiten (Kompetenzen) kann man trainieren. Inzwischen gibt es eine Fülle empirischer Belege dafür, dass Menschen mit ausgeprägten Volitionskompetenzen auch überdurchschnittlich erfolgreich sind. Der Volksmund kennt dazu die Metapher: „Der Wille versetzt Berge“.

Die Unterscheidung ist auch deshalb wichtig, weil man die Motivation anders trainieren und fördern muss als die Volition. Das wird deutlich, wenn man die Quellen der intrinsischen und extrinsischen Motivation betrachtet. Siehe dazu den Test zu den Quellen der Motivation.

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Diagnose: Wie man Willenskraft "messen" kann

Die erste Teilstudie ergab, dass die Willenskraft aus fünf Fähigkeiten besteht: (1) Umsetzungsstarke Menschen wissen, worauf es ankommt und fokussieren ihre Aufmerksamkeit auf das Wesentliche statt sich zu verzetteln. (2) Sie steuern ihre Gefühle so effizient, dass sie emotionale Belastungen schnell überwinden statt darunter zu leiden. Außerdem können sie sich selbst und andere in eine gute Stimmung versetzen. (3) Umsetzungsstarke Menschen haben weniger fachliche oder intellektuelle, dafür aber mehr praktische Intelligenz (Cleverness), mit der sie Probleme und Risiken kreativ bewältigen. (4) Sie stärken regelmäßig die Basis ihres Selbstvertrauens und können sich wirksam durchsetzen. (5) Schließlich wissen sie, warum sie arbeiten, erkennen also den tieferen Sinn in ihren Aufgaben und können dadurch sich selbst und andere begeistern.

 In der zweiten Teilstudie ging es darum, herauszufinden, ob sich ein Zusammenhang zwischen diesen Kompetenzen und dem Erfolg im Leben empirisch nachweisen lässt. Der Erfolg wurde zum einen an der Entwicklung des Jahreseinkommens und zum anderen an den gelebten Werten herausragender Unternehmerpersönlichkeiten gemessen. Diese Werte hat der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago erforscht. Es sind vor allem Ehrgeiz, Integrität, Energie und Optimismus.

Das Ergebnis: Menschen mit diesen Persönlichkeitsmerkmalen verfügen über eine besonders stark ausgeprägte Willenskraft. Diese erfolgreichen Menschen unterscheiden sich von wenig erfolgreichen besonders stark bei der Aufmerksamkeitssteuerung und Fokussierung sowie bei der vorausschauenden Planung und Problemlösung.

Im alltäglichen Verhalten fallen sie dadurch auf, dass sie wissen, worauf es ankommt, ihre Energie auf klar formulierte Ziele lenken und auch Unangenehmes zügig und mit großem Durchhaltevermögen erledigen. Ebenso sind sie in der Lage, ihr Verhalten und das Verhalten anderer zuverlässig vorauszusagen und zu beeinflussen. Sie stellen sich stets neuen Herausforderungen und verlieren nie ihr eigentliches Ziel aus den Augen.

Negative Stimmungen verbessern sie gezielt und weichen auch bei auftauchenden Schwierigkeiten und Problemen nicht aus. Schließlich setzen ihre praktische Intelligenz zur Lösung alltäglicher Probleme und zur Vorbereitung auf unvermeidbare Risiken ein. Dadurch gewinnen sie Anerkennung, Respekt und Unterstützung durch ihr Umfeld.

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Test der Willenskraft mit dem Gießener Inventar der Umsetzungskompetenz

Voraussetzung für das Training oder die Stärkung der Willenskraft ist eine Operationalisierung. Die Kernfrage dabei lautet: An welchen konkreten Verhaltensweisen (Gewohnheiten) erkennt man willensstarke Menschen? Dazu wurden einige Fragebögen wie zum Beispiel der Self-Regulation Questionnaire (Miller 1999), das Self Regulation Inventory (Ibanez et al. 2005), die Self Management Scale (Mezo 2009) oder das „Selbststeuerungsinventar“ von Julius Kuhl (1998) entworfen. Wir haben diese Fragebögen mit zahlreichen Managern in Führungskräfteentwicklungsprogrammen und mit MBA-Teilnehmern getestet. In allen Fällen ergaben sich Mehrdeutigkeiten und Probleme beim Verständnis der Items. Ein wesentlicher Grund dürfte die Tatsache sein, dass diese Fragebögen eher für die klinische und akademische Welt entwickelt wurden und weniger mit der Praxis in Unternehmen zu tun haben. Auch („exakte“) Übersetzungen aus dem Englischen helfen nicht weiter, weil die Items nur im kulturellen Kontext sinnvoll interpretiert werden können. Schließlich ist uns bei 34 Tiefeninterviews mit Geschäftsführern mittelständischer Weltmarktführer (so genannter Hidden Champions nach Hermann Simon 2007) aufgefallen, dass sie über eine besondere Fähigkeit verfügen: Eine hohe „Produktivität“ in dem Sinne, dass sie mit oft bescheidenen Ressourcen in einem äußerst widrigen Umfeld ohne externe Motivatoren ihre Ziele trotz vieler Niederlagen und Rückschläge erfolgreich umsetzen können.

Mit den üblichen Motivationstheorien oder Persönlichkeitsmodellen lässt sich dieses Phänomen nicht adäquat erklären. Im Kern ist es eine ausgeprägte Fähigkeit der Selbststeuerung – oder präziser – Selbstregulierung, wie sie unter anderem Charles Snyder (1983) beschrieben hat. In der Psychologie wurde diese Fähigkeit von Albert Bandura (1991) untersucht. Weitere Beispiele sind die Arbeiten von Roy Baumeister (2011), Joseph Forgas (2009), Aleksandra Luszczynska (2004), Manfred Diehl (2006), Frederick Kanfer (1996), Charles Carver (1998) und Walter Mischel (1996). Als Beispiele aus der Managementlehre seien die Arbeiten von Heike Bruch und Sumantra Ghoshal (2006), Nitin Nohira (2003 und 2010) sowie Robert D’Intino (2007) genannt. Grundlage des Gießener Inventars der Umsetzungskompetenzen (GIUK) ist eine Synthese aus den zuvor genannten Arbeiten.

Die Online-Version des Inventars kann man unter dem folgenden Link ausprobieren: Test der Willenskraft/Umsetzungskompetenz

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Wissenschaftlicher Hintergrund der heutigen Diskussion

Traditionelle Motivationstheorien unterstellen, dass Motive Handlungen anregen und bis zu deren Abschluss aufrecht erhalten. Demnach ist Motivation ein Zustand zielgerichteten Verhaltens, das den Handlungen Richtung, Intensität und Dauer verleiht. Diese Auffassung widerspricht sowohl der Alltagserfahrung als auch neuen Forschungsergebnissen.

Häufig, insbesondere im Management, ist es notwendig, gegen bestimmte Motive oder Unlustgefühle zu handeln und widerstrebende Absichten oder Zielkonflikte zu überwinden. Ähnlich ist die Situation in vielen anderen Lebensbereichen. Beispielsweise weisen Jean-Paul Broonen und Co-Autoren darauf hin, dass selbst Patienten mit starken Schmerzen einerseits eine sehr starke Motivation haben, ihren Schmerz zu lindern, anderseits aber nicht in der Lage sind, diese Motivation in konkrete Handlungen umzusetzen (zum Beispiel bestimmte Übungen konsequent durchzuführen). Es fehlt also an Willenskraft (Volition), Absichten in die Tat umzusetzen. Es ist also notwendig, die Willensstärke zu trainieren.

Den wissenschaftlichen Grundstein für das Konzept der Willenskraft (Volition), das den gesamten Prozess - von der Motivation über die Zielsetzung Planung der Handlungen bis hin zur Erfolgskontrolle - umfasst, legte der Neurologe Hans Kornhuber (1928 - 2009) mit der Entdeckung des Bereitschaftspotentials im Jahr 1965 (übrigens eine der wenigen deutschen wissenschaftlichen Leistungen, die auch in der internationalen Forschungsgemeinschaft anerkannt wurden). Nach dem heutigen Stand der Forschung läuft dieser Prozess, physiologisch gesehen, zunächst im Gehirn ab, noch bevor der Mensch aktiv wird. Dabei unterscheidet man nach Rainer Klinke und Patrick Haggard folgende Phasen (nach Pape, Kurtz und Silbernagl):

  • Die erste Phase ist die innere Motivation, der Antrieb, ein Ziel erreichen zu wollen (Handlungsbereitschaft).
  • Um diesen Antrieb, diese Idee in die Tat umzusetzen, erstellt das Gehirn einen Bewegungsplan (Handlungsentwurf).
  • Unter Berücksichtigung der situativen Rahmenbedingungen folgt darauf die Auswahl eines Handlungsprogramms (Bewegungsprogramms), das den größten Erfolg im Hinblick auf das Ziel verspricht.
  • Schließlich kommt es zum Kommando, das die Ausführung des Handlungsprogramms auslöst.
  • Während des gesamten Prozesses führt das Gehirn "Erfolgskontrollen" durch.

Die nachfolgende Abbildung zeigt die wichtigsten Meilensteine der wissenschaftlichen Entwicklung des Themas:

Abbildung 2: Meilensteine der Wissenschaft zum Thema Willenskraft (Volition)

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Die fünf Teilkompetenzen der Willenskraft (Volition)

Wie lässt sich feststellen, wie willensstark ein Mensch ist? Willenskraft als Ganzes ist schwer fassbar. Deshalb muss dieses so genannte "Konstrukt" Teilkompetenzen (so genannte Faktoren) untergliedert werden. Jede dieser Teilkompetenzen ist wiederum durch konkrete Verhaltensbeschreibungen (Items) operationalisiert. Dadurch kann man im Alltag beobachten, wie oft ein Kandidat diese Verhaltensweisen praktiziert. Eine sehr objektive Einschätzung der Willenskraft entsteht, wenn diese Verhaltensweisen (Items) von anderen Personen beurteilt werden. Das erfolgt zum Beispiel in einem 360-Grad-Feedback.

Die fünf Teilkompetenzen der Willenskraft (hier ohne Verhaltensbeschreibungen) sind:

  1. Aufmerksamkeitssteuerung und Fokussierung
    Umsetzungsstarke Menschen mobilisieren ihre Energie durch eine konsequente Fokussierung auf klare Ziele, die sie aus ihren authentischen Werten herleiten. Das gibt ihnen die Kraft, zahlreiche Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden. 
  2. Emotions- und Stimmungsmanagement
    Wer über eine hohe Willenskraft (Volition) verfügt, kann sich sehr gut in eine positive Stimmung versetzen und ist darüber hinaus in der Lage, konstruktiv mit negativen Gefühlen umzugehen. Solche Menschen lassen sich von dem Prinzip leiten, dass positive Gefühle bei der Umsetzung von Absichten helfen. Zudem können sie sich gut in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer hineinversetzen und deren Verhalten antizipieren. 
  3. Selbstvertrauen (Selbstwirksamkeit) und Durchsetzungsstärke
    Willenskraft ist eng mit der Selbstwirksamkeitsüberzeugung verbunden. Umsetzungsstarke Menschen sind sich ihrer Fähigkeiten bewusst und vertrauen auf diese. So finden sie auch immer Mittel und Wege, um aus Schwierigkeiten zügig herauszukommen. Widerstände und Probleme werden insgesamt als (machbare) Herausforderungen begriffen. 
  4. Vorausschauende Planung und Problemlösung
    Menschen mit großer Willenskraft sind pro-aktiv und vorausschauend. Sie erledigen unangenehme und schwierige Probleme sofort, statt sie „auszusitzen“ oder Entscheidungen vor sich her zu schieben. Unter Planung verstehen sie in erster Linie nicht die Voraussage der Zukunft, sondern die Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft. 
  5. Zielbezogene Selbstdisziplin
    Menschen mit hoher Volition erkennen früher als andere, was in einer Situation notwendig ist und setzen ihre Erkenntnisse konsequent um. Sie verfügen über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und können plötzliche Impulse, Ablenkungen oder „Verlockungen“ wirksam kontrollieren. Diese Disziplin kommt nicht aus einem selbst auferlegten Zwang. Vielmehr erkennen sie den tieferen Sinn in dem, was sie tun.

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Willenskraft: Anwendungsbeispiele und Fälle aus der Praxis

Die Studie von June Tangney Roy Baumeister und Angie Boone hat gezeigt, dass Menschen mit überdurchschnittlicher Willenskraft bessere persönliche Beziehungen haben, über mehr Selbstvertrauen verfügen, mehr Leistung bringen und weniger anfällig für Stress und psychische Störungen sind. Ähnliche Beispiele findet man auch im unternehmerischen Alltag. Hier einige Fälle:

Herr X

Herr X ist Marketingleiter eines internationalen Biotech-Unternehmens, ist fassungslos über die Absage zu seiner sicher geglaubten neuen Stelle. Sein Arbeitszeugnis ist voller Lob über seine Erfahrungen und sein Engagement. Neben seinen fachlichen Fähigkeiten werden seine außerordentliche Leistungsstärke und Motivation hervorgehoben. Auch als Persönlichkeit hat Herr Y mit seinen sozialen Kompetenzen überzeugt. Leider fehlt eine entscheidende Information. Man findet nichts über messbare Ergebnisse. Und damit wird das Lob ins Gegenteil verwandelt: Er hat große Räder gedreht, dabei aber nicht viel umgesetzt – im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die mit eher bescheidenen Ressourcen beeindruckende (unternehmerische) Erfolge erzielen. Dies ist der Kern der Willenskraft.

Das Beispiel zeigt: Fachliches Können, Motivation und Leistungsbereitschaft allein reichen bei weitem nicht aus, um beruflich erfolgreich zu sein. Viele Führungskräfte sind zwar fachlich versiert, arbeiten mehr als 60 Stunden die Woche und haben ambitionierte Ziele. De facto wissen sie jedoch nicht, worauf es wirklich ankommt. Oder sie sind höchst motiviert, verzetteln sich jedoch und tun sich schwer, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Gemeinsam haben diese Führungskräfte, dass sie am Ende ihre Ziele nicht erreichen. Denn ihnen fehlt Volition beziehungsweise Willenskraft oder Umsetzungskompetenz.

Herr Y

Herr Y, Key Account Manager eines internationalen Unternehmens der Medizintechnik mit einer Umsatzverantwortung im zweistelligen Millionenbereich, arbeitet schon lange über 60 Stunden pro Woche. So konnte es nicht weiter gehen. Bei der Diagnose der ersten Volitionskompetenz, der Aufmerksamkeitssteuerung und Fokussierung, hat Herr X fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ein Gedanken- und Gefühlsprotokoll hat herausgefunden, dass er sich zu rund 80 Prozent in belastende alltägliche Ärgernisse verstrickt hat. Die erste Aufgabe zur Förderung seiner Willenskraft bestand also darin, die Aufmerksamkeit auf positive Dinge zu richten. So machen es auch überdurchschnittlich erfolgreiche Menschen. Ihre Gedanken und Gefühle drehen sich fast ausschließlich um die Gestaltung Zukunft und um Chancen. Daraus schöpfen sie die notwendige mentale Kraft als ein wesentlicher Bestandteil der Willenskraft.

Bei Herrn Y kam es zunächst darauf an, die Grundvoraussetzung für die mentale Kraft zu schaffen. Dazu war eine objektive Bilanz seiner Stärken und Kompetenzen notwendig. Das Ergebnis dieser Diagnose: Seine bisherigen Erfolge und Fähigkeiten, zu denen er stets gutes Feedback bekam, passten nicht zu den strategischen Herausforderungen seines Unternehmens. Er hatte „übersehen“, dass man von einer (wertvollen) Kompetenz nur dann sprechen kann, wenn sie einen (durch Kennzahlen) messbaren Beitrag zum (wirtschaftlichen) Erfolg des Unternehmens leistet. Somit können viele Fähigkeiten, auf die Menschen stolz sind, völlig irrelevant sein, weil sie nicht viel über die Willenskraft aussagen. Diese Erkenntnis war auch für Herrn Y sehr bitter, aber dringend notwendig. Nur so war es möglich, ein Konzept zur Schließung der Lücke zwischen Soll- und Ist-Kompetenzen zu erarbeiten. In einer weiteren Diagnose ging es um die Quelle seiner beruflichen und persönlichen Ziele. Dabei stellte sich heraus, dass fast alle Ziele aus seinem Umfeld kamen, aus vermeintlichen Sachzwängen entstanden oder unkritisch übernommen wurden. Dazu gehört zum Beispiel das verbreitete Prinzip, wonach der beste Verkäufer zum Vertriebsleiter oder der beste Ingenieur zum Betriebsleiter ernannt wird - ohne Berücksichtigung der Willenskraft.

Herr Y verfolgte Karriereziele, ohne sich darüber im Klaren zu sein, welche gleichwertigen Alternativen es gibt und ob er über die notwendigen Kompetenzen für das General Management verfügt. Seine Vorgesetzten hatten sein Engagement geschätzt, wollten ihn aber nicht demotivieren, und haben ihm deshalb nicht die Wahrheit über seine tatsächlichen beruflichen Möglichkeiten in diesem Unternehmen gesagt. Die Klärung dieser beruflichen Perspektiven war die zweite Säule der Fokussierung in seinem Entwicklungsplan zur Förderung seiner Willenskraft. Klare berufliche und persönliche Ziele können die mentale Energie nur dann entfachen, wenn Menschen den tieferen Sinn in dem erkennen, was sie tun. Und dies ist eine Frage der persönlichen Ethik, die heute in den wenigsten Fällen aus den persönlichen Werten abgeleitet wird. Viel zu leichtfertig folgen Manager dem Einfluss von Modeerscheinungen und Massenmedien und den dort angepriesenen Vorbildern. Wirtschaftsethik wird an deutschen Hochschulen so gut wie gar nicht gelehrt. Es ist vielmehr ein Tummelplatz politischer Ideologien. Ohne authentische Werte und ethische Prinzipien ist es kaum möglich, Prioritäten zu setzen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und einen Sinn in der Arbeit zu empfinden. Die Erarbeitung dieser Orientierung ist daher die dritte Säule im persönlichen Entwicklungsplan zur Steigerung der Aufmerksamkeitssteuerung und Fokussierung, also der ersten Teilkompetenz der Willenskraft von Herrn Y.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Entwicklung der Willenskraft aus drei Schritten besteht: (1) Diagnose der Willenskraft und ihrer Teilkompetenzen), (2) Entwicklung von Alternativen und Auswahl von Lösungen sowie (3) Implementierung der Erkenntnisse in einem kurz- und langfristigen Persönlichen Entwicklungsplan mit anschließender Erfolgskontrolle (zum Beispiel in einem erneuten 360-Grad-Feedback, einem Management-Audit oder einfach in einem Selbsttest).

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Willenskraft (Volition) trainieren und stärken

Die Willenskraft galt lange Zeit als Eigenschaft des Charakters wie zum Beispiel Ehrgeiz, Beharrlichkeit, Disziplin oder Ausdauer. Folglich – so die (alte) Theorie – war diese Fähigkeit das Ergebnis von Veranlagung und Erziehung seit der frühesten Kindheit. Wer dies nicht vom Elternhaus auf den Weg mitbekommen hat, musste hart daran arbeiten und den Willen so lange trainieren bis er stark genug war, außerordentliche Leistungen zu vollbringen. Als Vorbilder für Willensstärke werden häufig Sportler, Artisten, Unternehmer oder Politiker genannt.

So hat zum Beispiel der Aktions- und Zauberkünstler David Blaine die Willenskraft aufgebracht, am Times Square in New York auf einer Säule in 27 Metern Höhe 35 Stunden lang stehend und ohne Schlaf in einem Eisblock zu verbringen.

Ähnliche Leistungen findet man bei den zahlreichen extremen Sportarten wie zum Beispiel Ironman oder Apnoe-Tauchen. Und Oliver Kahn zitiert in seinem Buch seinen Vater, der ihm immer wieder gesagt habe, wie wichtig es sei, dass man sich das, was man sich vorgenommen habe, auch umsetzt. Gelegentlich findet man auch Hinweise auf Politiker wie Nelson Mandela, dessen Willenskraft während seiner 27-jährigen Gefangenschaft nicht gebrochen werden konnte. Derartige Legenden sind nach unseren Forschungsergebnissen für das Training der Willenskraft in der Praxis der meisten Fach- und Führungskräfte – also der „normalen“ Menschen - nicht geeignet. Das nachfolgende Bild stellt die (nicht ganz ernst zu nehmende) Frage, ob man Willenskraft wirklich so trainieren sollte.

Abbildung 3: Traditionelles Verständnis von Willenskraft (so trainieren?) Quelle: http://funnyjunk.com/

 

Falls Sie Ihre Willenskraft (Volition) trainieren oder stärken möchten, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Weitere Hinweise enthält auch die Seite Management-Coaching.

Weitere Tipps und Beispiele für die Steigerung der Willenskraft

Für den erfolgreichen Erwerb einer Kompetenz ist in erste Linie den Lerntyp entscheidend. Manche Menschen lernen am besten, wenn sie neue Informationen aufnehmen, diese verstehen und das so Gelernte anschließend in der Praxis anwenden (analytischer Lerntyp). Diese Art des Lernens verspricht bei den wenigsten (!) Menschen den erwarteten Erfolg. Die meisten lernen etwas Neues, wenn sie es immer wieder, mit steigendem Schwierigkeitsgrad praktizieren ("learning by doing"). Beim zweiten Lerntyp bringen Seminare und Lehrbücher nicht viel. Er muss erst zahlreiche Erfahrungen mit verschiedenen Mitarbeitern machen, Feedback einholen und die Ergebnisse mit einem Partner (meist dem Vorgesetzten) kritisch diskutieren. Für den zweiten Lerntyp (also die Mehrheit) ist es wichtig, die Verhaltensbeschreibungen (Items) als Grundlage für die alltägliche Praxis zu nehmen.

Dazu Beispiel Nr. 1: Willensstarke Menschen machen sich regelmäßig ihre Wertvorstellungen bewusst und stellen sich die Frage, inwiefern ihre alltäglichen Aufgaben zu diesen Wertvorstellungen passen. Erfolglose Menschen denken nur selten darüber nach und werden „Opfer“ verlockender Konsumangebote oder fragwürdiger Vorbilder aus Funk, Fernsehen oder Printmedien. Es dürfte nicht sehr schwierig sein, öfters mit Freunden und Bekannten über deren und die eigenen Wertvorstellungen zu diskutieren und dabei das eigene Wertesystem zu klären um es anschließend in die Tagesroutine aufzunehmen. Es erfordert lediglich den Verzicht auf einige Minuten Fernsehkonsum, bringt aber – wie man aus Experimenten mit Schülern und Managern weiß, einen deutlich spürbaren Beitrag zur Stärkung der Willenskraft. Menschen ohne Werte wissen häufig nicht, was sie wollen, und werden allzu leicht durch Andere oder die Umstände manipuliert.

Beispiel Nr. 2: Erfolglose Menschen machen sich kaum Gedanken darüber, welchen Sinn und Zweck ihre Arbeit eigentlich hat. Sie wollen einfach nur eine abwechslungsreiche, bequeme und gut bezahlte Beschäftigung (!) haben. Und weil sie sich keine Gedanken über den tieferen Sinn ihrer Aufgaben machen, sind sie auf Lob und Anerkennung durch Dritte angewiesen. Damit ist die Frustration vorprogrammiert. Zum Überwinden dieser Gewohnheit muss man sich lediglich die Frage stellen, ob man lieber zu einem Arzt geht, der seinen Beruf wegen des Geldes oder anderer oberflächlicher Motive ausübt, oder ob er es aus Überzeugung tut. Zahlreiche empirische Studien zeigen indes, dass sowohl ein Arzt als auch ein Handwerker mit Berufsethik langfristig auch finanziell erfolgreicher sein wird. Das Gleiche ist auch von herausragenden Unternehmern bekannt: Sie haben eine ausgeprägte Vision, die sie leben. Geld, Status und Anerkennung sind die Folge, aber niemals Ausgangspunkt und Antrieb des Handelns. Dieser Grundsatz gilt für praktisch jeden Beruf - auch für "Angestellte".

Beispiel Nr. 3: Viele Eltern geraten in Panik, wenn sie feststellen, dass ihre Kinder „falsche“ Freunde haben, ihr Zimmer nicht aufräumen und die Schule vernachlässigen. Sie werden erst dann aktiv, wenn die Probleme offensichtlich und erdrückend sind, und die Lernbereitschaft der Kinder deutlich abgenommen hat. Diese Gewohnheit des Aussitzens sollte man durch vorausschauendes Denken ersetzen. Es dürfte relativ einfach sein, das Aufräumen des Kinderzimmers schon in der frühesten Kindheit zum Bestandteil des Spielens zu machen. Und wenn man erst während der Pubertät feststellt, dass die eigenen Kinder keine anderen Interessen und Quellen des Selbstvertrauens haben als sie von Massenmedien vermittelt werden, dann hat man ein echtes, selbst erzeugtes, aber vermeidbares Problem. Es gilt der Grundsatz, wonach die heutige Situation die Folge von Entscheidungen und Unterlassungen ist, die man vor vier bis fünf Jahren getroffen hat. Das gilt auch für den Zustand aller persönlichen (beruflichen und privaten) Beziehungen. Schon der Volksmund sagt: „Suche Dir Deine Freunde dann, wenn Du sie nicht (!) brauchst“.

Die nachfolgende Übersicht zeigt für jede der fünf Kompetenzen jeweils drei Beispiele für Gewohnheiten, die die Willenskraft schwächen oder steigern. Man sollte mit den einfachsten beginnen, dann werden die schwierigeren genauso einfach sein. Die dazu passenden konkreten Verhaltensbeschreibungen sind Bestandteil des Volitionstests (siehe: www.managementkompetenzen.de/umsetzungskompetenzen.html)

Abbildung 4: Willenskraft trainieren: Beispiele für Quellen und Verbraucher der Willenskraft (Energie)

 

Falls Sie Ihre Willenskraft (Volition) trainieren oder stärken möchten, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf. Weitere Hinweise enthält auch die Seite Management-Coaching.

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Empfehlungen zum Studium der Fachliteratur

Wie so häufig, gibt es auch zu diesem Thema einige grundlegende Erkenntnisse (Originalquellen) und eine nahezu unüberschaubare Vielfalt von Sekundär- und Tertiär-Literatur mit Interpretationen und Spekulationen, die nur selten empirisch belastbare Erkenntnisse hervorbringen. In diesem Falle stammt die Grundidee zur Willenskraft (Volition) von Narziß Ach. Man könnte noch weiter zurückgehen, aber dann landet man zwangsläufig bei Aristoteles. Nach seiner (Achs) Ansicht ist der Erfolg eines Menschen davon abhängig, wie viele Dinge, die er sich vornimmt, er auch tatsächlich umsetzt (Wirkungsgrad des Wollens). Dies hat zuvor Carl von Clausewitz als wichtigstes Merkmal herausragender militärischer Führer herausgestellt: Strategien aufzustellen sei relativ einfach. Die eigentliche Kunst besteht vielmehr darin, diese Strategien umzusetzen; und diese Kunst beherrsche nach seiner Einschätzung nur einer von Tausend; entscheidend sei dabei die Stärke des Willens (Willenskraft). 

Dieses Thema blieb aus vielen Gründen unbeachtet. Erst mit der Entdeckung des Bereitschaftspotentials durch den Neurophysiologen Hans Helmut Kornhuber im Jahr 1965 entstand eine wissenschaftlich belastbare Grundlage für die Volition bzw. Willenskraft. Diese Grundlage wurde von der neueren Hirnforschung bestätigt und überwindet die verbreitete philosophisch-spekulative Diskussion insbesondere in der deutschen Psychologie mit ihrem typischen „Psycho-Jargon“.

Zur zweiten Quelle dieses Themas zählen Kybernetik und Systemtheorie. Hier hat vor allem Albert Bandura von der Stanford-University seit Ende der 1940er Jahre Pionierarbeit geleistet. Besonders Lesenswert dazu sind seine Aufsätze (1): „Social Cognitive Theory of Self-Regulation“, publiziert in: Organizational Behavior and Human Decision im Jahr 1991 und (2): Social Cognitive Theory of Organizational Management (zusammen mit Robert Wood), publiziert in: Academy of Management Review, 1989. In Deutschland hat insbesondere Niklas Luhmann die Anwendung der Systemtheorie in den Sozialwissenschaften populär gemacht.

Hinsichtlich der praktischen Anwendung hat Albert Bandura als einer der ersten Forscher herausgefunden, dass praktisch kein Zusammenhang zwischen Leistungsmotivation und tatsächlicher Leistung besteht. Das gilt auch für andere Motive. Entscheidend sei vielmehr die (willentliche und bewusste) Steuerung von Motiven, Zielen, Gefühlen und Verhaltensweisen. In der traditionellen Psychologie hat man das Verhalten mit bestimmten Motiven erklärt. Tatsächlich es umgekehrt: Die willentliche Entscheidung bestimmt, welchen Motiven, Zielen oder Verhaltensimpulsen man folgt und welchen nicht. Diese Fähigkeit, Motive bewusst zu beeinflussen hat Howard Gardner als „emotionale Intelligenz“ bezeichnet, die ganz wesentlich für den Erfolg im Leben sei.

Die Fortsetzung der Forschung zu diesem Thema läuft unter dem Stichwort Emotion Regulation als einer Teilkompetenz der Willenskraft. Im deutschen Sprachraum wurde allem das so genannte „Rubikon-Modell“ der Handlungsphasen diskutiert. Inzwischen gilt es als überholt, weil es im physiologischen Prozess (vom Antrieb bis zur „Erfolgskontrolle“) nicht nur einen „Rubikon“, sondern sehr viele davon gibt. Das hat unter anderen der Hirnforscher Patrick Haggard herausgefunden. Für eine Unterscheidung zwischen einer „prädezisionlen“ und einer „postdezisionalen“ Phase gibt es keinen belastbaren (validen) empirischen Beleg; es war und bleibt Spekulation.

Zum aktuellen Stand der Forschung seien die folgenden Publikationen empfohlen:

  • Rick H. Hoyle, Handbook of Personality and Self-Regulation, Blackwell Publishing: 2010
  • Joseph P. Forgas, Roy F. Baumeister und Dianne M. Tice, Psychology of Self-Regulation, Psychology Press: 2009
  • Roy F. Baumeister und Kathleen D. Vohs, Handbook of Self-Regulation, The Guilford Press: 2004.
  • James Gross, Handbook of Emotion Regulation, The Guilford Press: New York 2007
  • Roland Benabou und Jean Tirole, Willpower and Personal Rules, in: Journal of Political Economy, 2004, vol. 112, no. 4
  • Roy Baumeister und John Tierney, Willpower, Rediscovering the Greatest Human Strength, The Penguin Press: New York 2011
  • Kelly McGonigal, The Willpower Instinct, New York: Penguin Group 2012
  • Waldemar Pelz: Umsetzungskompetenz als Schlüsselkompetenz für Führungspersönlichkeiten. In: Au, Corinna von (Hrsg.): Leadership und angewandte Psychologie. Berlin: Springer Verlag 2017 (PDF Download Willenskraft – die Umsetzungskompetenz)

Weitere Publikationen auf der Seite des Instituts für Management-innovation Publikationen.

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